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Godenschale mit "Weisat"

Als charakteristisches Erzeugnis der Gmundner Hafner wurden vom Ende des 17. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts Wöchnerinnenschalen auf individuelle Bestellung hin geschaffen. Anstatt von »Cherubims-Griffen« setzte man an diese Godenschale mit dem palmettenförmig gerieften und an Pfeifenschüsseln erinnernden Unterteil einfache Henkel und krönte den ähnlich grün-weiß gestalteten Deckel mit Obst und einem vollplastischen Korb. In diesem sind all jene Gaben enthalten, die einer Mutter im Wochenbett als »Weisat« mit der Godenschale voll stärkender (Hühner)Suppe überreicht wurden: ein Butterstriezel, ein weißer Wecken, Semmeln, Eier und eine (schwarze) Henne. Das Innere des Deckels zeigt ein gemaltes Auge Gottes, während der Napf durch die Darstellung der heiligen Anna, die ihre Tochter Maria lesen lehrt, Bezug nimmt auf die Patronin der neugeborenen Marianna.

Die besondere Qualität und aufwendige Dekoration und Formgebung könnte darauf hindeuten, dass die Godenschale für ein Familienmitglied einer der Hafnerwerkstätten hergestellt worden ist. Die Initialen am Deckelboden M./A. P. ließen sich als Maria Anna Prein deuten, denn 1794 kam ein Mädchen dieses Namens als Tochter der Meisterin Ursula Brein (Prein) auf die Welt, und Josef Sauber, ein Geselle in der Werkstatt, bemalte zu diesem Anlass eine ebenfalls außergewöhnliche Godenschale. Zwar ist die Keramik mit dem Weisat undatiert, doch entspricht ihre geschätzte Entstehungszeit dem Werk Saubers, weshalb sie also durchaus ein weiteres Geschenk eines Gesellen an die Meisterin gewesen sein könnte.

Ob sich das selten vorkommende Malermonogramm MPD für Michael Pesendorfer (*1732, †1815) aus den ebenfalls am Boden vorhandenen Buchstaben  M A H P herauslesen lässt, wäre nur durch zusätzliche Stilvergleiche anhand von in Privatbesitz befindlichen Keramikkrügen möglich. Schon ein oberflächlicher Blick auf einen Birnkrug mit der Signatur MPD aus dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts lässt weitere Forschungen in diese Richtung ratsam erscheinen. Zu berücksichtigen wäre auch eine vergleichbare Godenschale im Stadtmuseum Steyr (Inv. Nr. E 9592), die ebenfalls einen plastischen Aufsatz mit einem Wickelkind in einer Wiege aufweist, mit Eiern, Butter- und Brotstriezel und mit Säcken (mit Zucker, Mehl ?). Sie steht auf drei lebensgroßen Hühnerfüßen, weshalb Lipp sie als »Hühnerfußschale« bezeichnete. Auch wenn die Gestaltung stark vom Objekt im Linzer Museum abweicht, weist die Darstellung der heiligen Theresia (dat. 1822) stilistisch auf denselben Gmundner Keramikmaler hin.
Andrea Euler


GODENSCHALE MIT »WEISAT«
GMUNDEN, eventuell MICHAEL PESENDORFER, letztes Viertel 18. Jahrhundert
Ton, gebrannt, glasiert, Höhe 7,8 / 17 cm, Durchmesser 8,7 / 14,8 / 15,3 cm, Breite 18,5 cm
Sammlung Volkskunde und Alltagskultur, Inv. Nr. F 3.171


LITERATUR (AUSWAHL):
KÖNIG 1964; SVOBODA - MORATH 1999;
MARCHGRABER 2008

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